Die Produktion von morgen entwickeln

Detailaufnahme aus einer Rundstrickmaschine bei der eine Nadel gewechselt wird.
Die Digitalisierung bewegt nahezu alle Unternehmen in Deutschland. Unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" sind unter anderem Gebiete der Mechatronik, Automation und Energieversorgung zusammengefasst.
Foto: Hans-Martin Issler

Industrie 4.0 studieren

Die Produktion von morgen entwickeln

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Berufsbereiche und Branchen. Prozesse in der Herstellung sollen effizienter und kostengünstiger gestaltet, der Mensch durch Maschinen nicht ersetzt, aber unterstützt werden. Die verschiedenen Aspekte dazu werden unter dem Begriff „Industrie 4.0“ zusammengefasst – ein großes Gebiet für künftige Fachkräfte.

Für seinen Master suchte Marius Widmann einen fächerübergreifenden Studiengang. „Nach meinem Bachelorabschluss in Mechatronik für Automatisierungstechnik wollte ich mich mehr auf die Softwareentwicklung fokussieren, ohne die Mechanik aus den Augen zu verlieren“, berichtet der 25-Jährige. Seine Wünsche wurden erfüllt: Seit einem Semester studiert er am Hochschulcampus Tuttlingen an der Hochschule Furtwangen Mechatronische Systeme, wo Informatik, Elektrotechnik und Mechanik im Mittelpunkt stehen.

Das Studium ist flexibel aufgebaut. „Wir können die meisten Fächer selbst wählen und bekommen durch die Interdisziplinarität einen guten Einblick in die Industrie 4.0.“ Seine Projektarbeit dreht sich beispielswiese um intelligente Heizungssysteme in sogenannten Smart Homes – dabei kommunizieren verschiedene Sensoren im Haus mit der Heizung, um eigenständig und stets effizient zu heizen. Mit solchen Systemen möchte sich der 25-Jährige nach der Masterarbeit im dritten Semester auch im Beruf beschäftigen: „Beruflich sehe ich mich eindeutig im Bereich Industrie 4.0.“

Was ist Industrie 4.0?

Wie im Studium von Marius Widmann spielt Industrie 4.0 auch bereits in vielen anderen Studiengängen in Deutschland eine wichtige Rolle. Doch was bedeutet „Industrie 4.0“ eigentlich? „Dieser Begriff beschreibt die Digitalisierung, Vernetzung, Datenerhebung und deren intelligente Verarbeitung sowie Nutzung in verschiedensten Branchen der Industrie“, fasst Andreas Faath, Referent beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) im Forum Industrie 4.0, zusammen und ergänzt: „Die Informationstechnologie entwickelt sich immer weiter, sodass man immer mehr Möglichkeiten hat, eine Produktion zu optimieren.“

Die Idee ist also, gesamte Herstellungsprozesse effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Es geht dabei nicht darum, die Arbeitsplätze für Menschen abzubauen und durch Roboter zu ersetzen, betont Andreas Faath: „Eine rein automatische Produktion käme in vielen Fällen schnell an ihre Grenzen.“ Vielmehr sind qualifizierte Mitarbeiter gefragt, um die neuen Anforderungen auch umsetzen zu können. „Mit Industrie 4.0. soll unter anderem die Interaktion von Mensch und Maschinen verbessert werden und damit letztendlich die Produktion und Produkte.“ Dies gilt für die Automobilbranche genauso wie für die Herstellung von Möbeln und viele andere Industriebereiche.

Wettbewerbsfähig bleiben

Maschinen und Sensoren können beispielsweise so programmiert werden, dass sie melden, wann bestimmte Bauteile nachbestellt werden müssen – und anhand bereits abgewickelter Bestellungen präzise berechnen, wie viele tatsächlich benötigt werden. Ein anderes Beispiel ist die Herstellung von einzelnen Produkten, die genau auf die Wünsche eines Kunden zugeschnitten und dennoch wirtschaftlich sinnvoll sind. Der Individualisierung kommt eine immer größere Bedeutung zu, worauf Smart Factories reagieren können: (Was hinter den Fachbegriffen von Industrie 4.0 steckt, erfährst du im abi>> Glossar „Was tut ein Cobot in einer Smart Factory?“).

Kurzum: „Industrie 4.0 ist sehr relevant für die wirtschaftliche Zukunft, weil Betriebe und Unternehmen so flexibler sind, neue Geschäftsmodelle schaffen können und damit wettbewerbsfähig bleiben“, sagt Andreas Faath.

Mehrere Studienmöglichkeiten

Dabei gibt es nicht die eine Universallösung für Unternehmen, denn je nach Betrieb sind unterschiedliche Aspekte wichtig. Deswegen werden Fachleute verschiedenster Fachrichtungen gesucht. Jörg Friedrich, Leiter der Abteilung Bildung beim VDMA, nennt drei Kernstudiengänge: „Bei Industrie 4.0 wird vor allem das Wissen aus den Bereichen Informatik sowie den Ingenieurwissenschaften Maschinenbau und Elektrotechnik benötigt.“

Wer später rund um Industrie 4.0 tätig sein möchte, sollte an Mathe und Physik interessiert sein und ein grundlegendes Verständnis für alle Naturwissenschaften mitbringen. „Maschinenbauer und Elektrotechniker konstruieren und bauen, während Informatiker eher modellieren und viel in der Theorie durchspielen müssen“, erklärt Jörg Friedrich. Hinzu kommen Varianten dieser Studiengänge: Robotik, Automation, Mechatronik, Produktionstechnik, Ingenieurspsychologie, Energietechnik und Wirtschaftswissenschaft.

Allerdings spielt bei allen die Interdisziplinarität eine große Rolle: „Man muss daher darauf achten, dass man von den anderen Fachgebieten ebenfalls etwas lernt. Als Maschinenbauer muss man nicht programmieren können, aber ein Verständnis von Informatik ist sinnvoll.“ Er empfiehlt, möglichst viele Praxiserfahrungen durch Praktika und die Bachelorarbeit zu sammeln. (Von einem interdisziplinären Studiengang erfährst du in „Roboter in Bewegung bringen“.)

Spezialisierung mit dem Master

Ein weiterer Tipp: „Ich empfehle, erst einen grundständigen Bachelorstudiengang wie Maschinenbau oder Elektrotechnik zu wählen und anschließend im Master ein Thema zu vertiefen“, sagt der Experte. (Von einem spezialisierten Masterstudiengang kannst du in „Forschen in Deutschland und Südafrika“ lesen.)

Das kann auch Simone Schober-Wischkony unterschreiben, Berufsberaterin der Agentur für Arbeit in Braunschweig: „In Hinblick auf Industrie 4.0 tut sich bei den spezialisierten Masterstudiengängen derzeit viel. Da lohnt es sich, neue Angebote im Blick zu behalten.“ Beispiele seien Masterstudiengänge wie Digitale Logistik oder Digital Health Management. „Am besten schaut man sich an, was dort jeweils auf dem Lehrplan steht, und ob das die eigenen Interessen weckt.“

Ohnehin: „Für Industrie 4.0 gibt es nicht DEN einen Studiengang, denn mittelfristig verändern sich alle Branchen“, sagt sie und führt aus: „Im Gartenbau können Gewächshäuser digital gesteuert, in der Landwirtschaft die Tierschlachtung effizienter organisiert, im Gesundheitswesen neue Versorgungsmöglichkeiten entwickelt werden – im Endeffekt betrifft Industrie 4.0 alle Jobs mit Dienstleistungen und Produktion.“

Nach dem Studium sind zahlreiche Einsatzfelder in unterschiedlichen Branchen denkbar, von der Forschung über die Entwicklung bis zur Produktion, in kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen, wie Jörg Friedrich vom VDMA erklärt: „Das Interesse am Thema Vernetzung wird in den kommenden Jahren stark steigen, genauso die Nachfrage nach entsprechend ausgebildeten Fachleuten.“ Beraterin Schober-Wischkony ergänzt: „Wer in seinem Bereich offen auf diese neuen Anforderungen zugeht, ist für die Zukunft bestens gewappnet.“ (Mehr über Trends und den Berufseinstieg im Bereich Industrie 4.0 erfährst du in „Für Einsteiger eine große Chance“.)

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild (Suchworte: Automatisierungstechnik, Robotik, Autonome Systeme)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen. (Suchworte: Industrie 4.0, Automation, Robotik)
www.studienwahl.de

berufsfeld-info.de

Infoportal der Bundesagentur für Arbeit zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Informationen zu passenden Studiengängen und -berufen findest du zum Beispiel in den Teilberufsfeldern „Mechatronik und Automatisierungstechnik“, „Neue Technologien“ oder „Informations- und Kommunikationstechnik.
www.berufsfeld-info.de/abi

BERUFE TV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit.
www.berufe.tv

Verein Deutscher Ingenieure (VDI)

www.vdi.de

Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik

Fachgesellschaft des VDI und des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE)
www.vdi.de/technik/fachthemen/mess-und-automatisierungstechnik

Bundesverband der deutschen Industrie (BDI)

https://bdi.eu

Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)

www.vdma.org

Forum Industrie 4.0

Plattform des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau
https://industrie40.vdma.org

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Informationen zur vierten industriellen Revolution
www.bmbf.de/de/zukunftsprojekt-industrie-4-0-848.html

 

Automation – Industrie 4.0

Roboter in Bewegung bringen

Lisa Weinbeck studiert seit zwei Semestern „Automation – Industrie 4.0“ an der Hochschule Mittweida in Sachsen. Die technikaffine 22-Jährige lernt dort zum Beispiel wie elektronische Geräte und Anlagen programmiert werden.

Schon als Jugendliche stand Lisa Weinbeck gerne mit ihrem Vater in der Garage und schraubte an Rollern und Autos herum. „Mir war früh klar, dass ein Bürojob nichts für mich sein würde, sondern dass ich etwas Handwerkliches machen möchte“, erinnert sie sich. Tatsächlich absolvierte sie nach ihrem Abitur zunächst eine Ausbildung als Werkzeugmechanikerin – und studiert nun im zweiten Semester an der Hochschule (HS) Mittweida.

„In meinem Ausbildungsbetrieb, in dem unter anderem Chipkarten hergestellt werden, war Industrie 4.0 ein großes Thema. Man versuchte, alles zu digitalisieren und die Fertigungsprozesse zu optimieren“, erzählt Lisa Weinbeck. Diese Entwicklung interessierte die 22-Jährige so sehr, dass sie recherchierte, welche Studiengänge sie auf diesen Berufsbereich vorbereiten würden – dabei stieß sie auf den zulassungsfreien Bachelorstudiengang „Automation – Industrie 4.0“ an der HS Mittweida: „Mich hat gereizt, dass Aspekte von Industrie 4.0 mit praxisnaher Anwendung aus der Produktion kombiniert werden.“

Früh einen Schwerpunkt gewählt

Ein Porträt-Foto von Lisa Weinbeck

Lisa Weinbeck

Foto: Kurt Sauer

Im ersten Semester standen Grundlagen in Elektronik, Mathematik, Informatik und Programmierung auf dem Stundenplan. In Werkstofftechnik bekamen die Studierenden einen Überblick über unterschiedliche Werkstoffe, wie diese aufgebaut sind und wie sie verändert werden können. Im Fach Konstruktion lernten sie, wie Maschinen und Brücken (auf-)gebaut sind.

Mit dem zweiten Semester konnte Lisa Weinbeck bereits einen Schwerpunkt wählen. Sie entschied sich für das Fach Entwicklung: „Dabei steht im Mittelpunkt, wie man Fertigungsprozesse automatisieren und Daten entsprechend verarbeiten kann.“ Neben allgemeineren Fächern wie Betriebswirtschaftslehre, Physik und weiterhin Elektronik belegt sie daher auch schwerpunktspezifische Module. „Digitale Technik ist eine Mischung aus Informatik und Elektronik – da bekommen wir sehr praktisch orientierte Aufgaben und müssen etwa ein Programm für ein kleines Gerät schreiben“, berichtet die Studentin. Weitere Themen sind Robotik und Microcontroller. Letztere sind kleine Chips, mit deren Hilfe Geräte gesteuert werden.

Automobilbranche ist das Ziel

„Der Studiengang verknüpft Elemente aus Informatik, Technik und Elektronik. Das muss einen schon interessieren, man muss sehr technikaffin sein“, findet Lisa Weinbeck. Ihr aber macht genau das viel Spaß: „Ich finde es sehr faszinierend, zu lernen, was hinter der Digitaltechnik steckt. Außerdem ist der Bereich der Automatisierung spannend: Wie bekommt man zum Beispiel Roboter dazu, etwas Bestimmtes zu tun?“

Anfangs wird in dem Studium viel Theorie gelehrt, ab dem vierten Semester wird die Studentin dieses Wissen mehr und mehr in der Praxis anwenden. Für ein Praxismodul müssen die Studierenden in einem Unternehmen arbeiten – und werden ermuntert, ihre Abschlussarbeit ebenfalls dort zu schreiben. Diese steht im sechsten und letzten Semester an.

Was sie nach ihrem Abschluss machen möchte, weiß Lisa Weinbeck noch nicht genau. „Ich würde aber gerne anschließend einen passenden Masterstudiengang anhängen“, sagt die 22-Jährige. Denn ihren Wunschjob hat sie bereits im Auge – zumindest vage: „Ich kann mir gut einen Einstieg in der Automobilbranche vorstellen. Das passt bestens zu meinem Studium und meinen Interessen.“

 

Digital Industrial Management and Engineering

Forschen in Deutschland und Südafrika

Raphael Vogt (26) verknüpft im Masterstudiengang „Digital Industrial Management and Engineering“ an der Hochschule Reutlingen Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik miteinander – und macht dank einer Kooperation mit der Stellenbosch University nahe Kapstadt innerhalb von vier Semestern gleich zwei Abschlüsse.

Vom Masterstudiengang „Digital Industrial Management and Engineering“ erfuhr Raphael Vogt zufällig: Nach seinem Bachelorabschluss in Maschinenbau an der Hochschule Konstanz nahm er sich eine Auszeit und jobbte mit einem Work & Travel-Visum ein Jahr lang in Kanada. Eine Freundin erfuhr dann jedoch von einem neuen Studienangebot an der Hochschule Reutlingen und erzählte ihm davon.

„Das hörte sich richtig gut an, denn bereits während meiner Bachelorarbeit in einem Unternehmen hatte ich viel mit Industrie 4.0 zu tun, genauer gesagt mit dem Echtzeitdaten-Management von Testfahrzeugen“, erinnert sich Raphael Vogt. Nach seiner Rückkehr im März 2017 nahm er daher direkt das Studium in Reutlingen auf. Der 26-Jährige gehört zu den ersten, die diesen neuen Studiengang belegen.

Am Ende gleich zwei Abschlüsse

Ein Porträt-Foto von Raphael Vogt

Raphael Vogt

Foto: Sandra Phillipin

„An meinem Masterstudium gefällt mir, dass ich an mein Maschinenbaustudium anknüpfen und gleichzeitig Aspekte der Informatik und des Wirtschaftsingenieurwesens einbinden kann“, sagt er. „Außerdem finde ich gut, dass es im zweiten Semester ein Pflichtsemester an der Stellenbosch University in Südafrika gibt.“ Die beiden Hochschulen kooperieren für den Master eng miteinander – auch über das Auslandssemester hinaus: „Wir schließen das Studium mit zwei Abschlüssen ab: dem Master of Science an der Hochschule Reutlingen und dem Master of Engineering an der Uni Stellenbosch.“ Dass daher viele Vorlesungen auch in Baden-Württemberg auf Englisch abgehalten werden, ist für ihn kein Problem.

Ein Großteil seines Studiums besteht aus einem Forschungsprojekt, das sich die Studierenden selbst auswählen können. Im ersten Semester gab es dafür unterstützende Vorlesungen wie „Research Methods and Planning“: „Dort haben wir besprochen, wie man ein Forschungsthema findet sowie die richtigen Methoden und Werkzeuge für wissenschaftliches Arbeiten anwendet.“ Außerdem belegte Raphael Vogt Vorlesungen wie „Digital Supply Chain Management“ und „Digital Factory and Logistics“, wo es um die Unterschiede zwischen traditionellen und digitalen Lieferketten, den neuen Konzepten des digitalisierten Supply Chain Managements sowie Smart Factories geht.

Eigenständige Forschung

Der 26-Jährige begann bereits während seines Semesters in Südafrika, indem er auch einige Vorlesungen besuchte, mit seiner Forschung an intelligenten Behältersystemen. „Ich vergleiche hierfür die Auto- und Pharmaindustrie miteinander und führe viele Experteninterviews“, erklärt Raphael Vogt. Behälter, die etwa mit Schrauben oder Medikamenten gefüllt sind, sollen digital überwacht werden. Wie kann man den Füllstand messen und wie eine automatische Nachbestellung initiieren? In der Medizinbranche kann außerdem wichtig sein, die Temperatur im Behälter zu kontrollieren, damit Medikamente nicht zu warm gelagert werden. Das System soll bedarfsorientiert und modular aufgebaut sein, das heißt: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Im ersten Schritt erstellte Raphael Vogt ein Anforderungsprofil, fragte also bei Unternehmern konkret nach, was das intelligente Behältersystem aus ihrer Sicht können muss. Hierbei ist auch der Vergleich zwischen dem südafrikanischen und dem deutschen Markt interessant. Im nächsten Schritt möchte er einen Prototyp erstellen. Die Ergebnisse seines Forschungsprojekts werden schlussendlich in seine Masterarbeit einfließen, die im vierten Semester ansteht.

Industrie 4.0 wichtiges Thema

„Ich finde es sehr wichtig, dass Industrie 4.0 Thema des Studiums ist, weil derartige Systeme im Berufsleben immer gefragter sind.“ Hilfreich findet er auch, wie selbstständig er im Master arbeitet: Er muss seine Forschung selbst organisieren und sich Fristen setzen – eine gute Vorbereitung auf das Berufsleben. Und das Kennenlernen einer anderen Kultur – persönlich wie beruflich – sieht der Student als großen Vorteil, ebenso wie den doppelten Abschluss.

Nach dem Abschluss bietet der Master aus Sicht von Raphael Vogt dank seines Forschungsschwerpunkts eine gute Grundlage, um danach zu promovieren. „Ich werde aber wohl lieber direkt ins Berufsleben einsteigen“, sagt der 26-Jährige. Passend zu seiner derzeitigen Forschung kann er sich die Automobilbranche oder Medizintechnik vorstellen.

 

Industrie 4.0 studieren – Interview

„Für Einsteiger eine große Chance“

Welche Möglichkeiten bieten sich Absolventen im Bereich Industrie 4.0? Und wie gelingt der Start ins Berufsleben? Antworten darauf hat Dr. Jonas Gallenkämper, Geschäftsführer des Fachbeirats Ingenieurausbildung beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

abi>> Herr Gallenkämper, welche Trends und aktuellen Entwicklungen gibt es bei Industrie 4.0?

Jonas Gallenkämper: Hier sind zurzeit zahlreiche Trends auf dem Markt. Sie alle haben gemein, dass sie auf Schnittstellen von Technologiedomänen wie IT, Elektrotechnik oder Maschinenbau liegen. Darüber hinaus wandeln sich bisherige Geschäftsmodelle: Hat man früher hauptsächlich ein Produkt verkauft, so bindet man heute den Kunden langfristig über Serviceverträge an das eigene Unternehmen. Dies geschieht in der Regel kundenspezifisch über die Daten, die der Kunde bei der Nutzung des Produkts produziert und die der Hersteller auswertet und für Optimierungen nutzt.
Und dadurch, dass IT-gestützte Systeme zunehmend Routineaufgaben übernehmen und sogar antizipieren, was als nächstes ansteht – zum Beispiel eine Reparatur beim Auto, bevor etwas tatsächlich nicht mehr funktionstüchtig ist –, können wir uns stärker auf kreative Entwicklungsarbeiten konzentrieren. Hier entstehen gerade viele neue Projekte und Jobs.

abi>> Welche Fähigkeiten sind in diesem Bereich besonders gefragt?

Ein Porträt-Foto von Jonas Gallenkämper

Jonas Gallenkämper

Foto: privat

Jonas Gallenkämper: Neben einem Grundverständnis der technischen Möglichkeiten und Anforderungen aus dem Bereich der Digitalisierung ist die Kooperationskompetenz wichtig. Den Einzelkämpfer wird es nicht mehr geben, denn in aller Regel wird in interdisziplinären Teams mit Personen unterschiedlicher Fachrichtungen zusammengearbeitet – zunehmend auch außerhalb des eigenen Unternehmens.

abi>> Die Bundesregierung rief 2013 – in Anlehnung an die früheren industriellen Revolutionen – die vierte industrielle Revolution aus. Welches Fazit können Sie heute ziehen?

Jonas Gallenkämper: Wir stecken mittendrin. Wir sehen, dass alte Geschäftsmodelle zunehmend von Plattformen wie Amazon oder Google ersetzt werden. Nehmen Sie nur den Musik-Markt: Hier haben iTunes und Co. mal eben die gesamte datenträgerbasierte Musikindustrie beinahe obsolet gemacht. Man muss sich also ständig neu erfinden, um zu bestehen. Ich denke, die Dringlichkeit ist den Firmen bewusst, wir stehen häufig aber noch am Anfang. Hier sind frische Ideen „out of the box“ gefragt – für Einsteiger natürlich eine große Chance. Sie stecken noch nicht in den üblichen Prozessen und hinterfragen scheinbar festgesetzte Standards.

abi>> Wie sehen die beruflichen Chancen für heutige Abiturienten aus?

Jonas Gallenkämper: Für Ingenieurstudierende bieten sich später hochspannende Projekte, in denen Kreativität und Teamgeist gebraucht werden gepaart mit einem fundierten Technologieverständnis. Dadurch, dass die Teams zunehmend diverser werden, ergeben sich aber auch Chancen für Absolventen abseits der Ingenieurwissenschaften.

abi>> Und welche Tipps haben Sie, damit der Berufseinstieg gut gelingt?

Jonas Gallenkämper: Engagieren Sie sich im Ehrenamt an ihren Hochschulen und in Studierendeninitiativen, etwa bei den VDI-Hochschulgruppen. Hier lernen Sie enorm wertvolle Soft Skills, die der erste Arbeitgeber zu schätzen wissen wird. Haben Sie zum Beispiel die gröbsten Erfahrungen für eine Veranstaltungsplanung bereits dort einmal gelernt, klappt‘s im Job gleich viel besser. Bleiben Sie außerdem immer neugierig. Zeigen Sie, dass Sie sich etwa in einem Praktikum selbstständig mit spannenden Fragestellungen beschäftigen können. Dazu eignen sich im Bereich Industrie 4.0 natürlich besonders Aspekte der Digitalisierung.

 

Industrie 4.0 studieren – Glossar

Was tut ein Cobot in einer Smart Factory?

Rund um das Thema „Industrie 4.0“ kursieren viele Fachbegriffe. Andreas Faath vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) erklärt abi>>, was hinter den wichtigsten steckt.

Industrie 4.0

Das Oberthema beschäftigt sich mit der umfassenden Digitalisierung und Vernetzung industrieller Produktion und der gesamten Wertschöpfungskette. Das geschieht mithilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnik. Das Ziel ist eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion, in der Mensch und Maschinen miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten. So sollen einzelne Prozesse, aber auch die gesamte Produktionskette optimiert werden.

Internet der Dinge

Hierbei werden Geräte, Maschinen und Anlagen über das Internet miteinander verbunden. Oft wird unter Internet der Dinge auch die Vernetzung von Produkten verstanden, die sich bereits auf dem Markt befinden. Dazu gehört beispielsweise die Verbesserung von Produkten mittels eines Softwareupdates. Ein anderes Beispiel ist ein Drucker, der – sobald ein bestimmter Füllstand unterschritten wird – den Warenkorb mit den erforderlichen Patronen oder Tonern füllt und den Nutzer zum Nachbestellen auffordert.

Smart Factory

In dieser modernen Fabrik sind alle Systeme der Herstellung miteinander vernetzt, damit sie flexibel und effizient produzieren können. Im Idealfall werden Wartezeiten oder Pausen vermieden und Wartungen geschehen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Produktion so wenig wie möglich beeinträchtigt wird. Die Smart Factory ist auf den Aufbau und die stete Betreuung und Weiterentwicklung dieser komplexen Vernetzung angewiesen.

Smart Grid

Das intelligent vernetzte Stromnetz sorgt dafür, dass dank selbstlernender Algorithmen und Vernetzung immer der nachhaltigste, günstigste Strom erworben und genutzt wird. Konkret gesagt ist ein Unternehmen zwar Kunde eines Anbieters, dieser ist aber mit anderen Anbietern vernetzt und kann so ökonomisch und ökologisch sinnvoller agieren.

Augmented Operator

Hierbei werden einer Fachkraft Informationen für ihre aktuelle Aufgabe digital dargestellt und erleichtern die Arbeit. Die Mitarbeiter nutzen hierfür zum Beispiel Tablets oder Augmented-Reality-Brillen. Diese Technik kommt bereits heute in der Produktion oder Montage, aber auch in der Wartung oder beim Kundendienst vor Ort zum Einsatz.

Virtual Production

Dabei kann eine Produktion digital abgebildet werden, sodass man beispielsweise einen Durchlauf simulieren und mögliche Problembereiche erkennen kann.

Cloud Computing

Diese Technik ermöglicht Unternehmen, ihre Hard- und Software über eine Cloud zu nutzen. Dadurch kann etwa Speicherplatz oder Software je nach Bedarf schnell und flexibel in der Cloud erworben oder gemietet werden.

Cobots

Das sind Roboter, die die Menschen am Arbeitsplatz unterstützen und direkt mit ihnen interagieren. Sie nehmen ihnen etwa körperlich schwere und anstrengende Arbeiten ab.


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Stand: 19.09.2019