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Medizin studieren

Disziplin

Ohne Disziplin würde wohl kaum ein Mensch jemals einen Abschluss erlangen, Deadlines einhalten, sein Gewicht halten – oder eine Doktorarbeit schreiben. Ich bin eigentlich kein undisziplinierter Mensch, das würde mir sonst vermutlich auch schnell um die Ohren fliegen. Als Abiturient hätte ich jedenfalls jeden Medizinstudierenden, der für sich Faulheit oder Disziplinlosigkeit beansprucht, freiheraus ausgelacht. Doch ich gehöre zu denen, die hart an ihrer Disziplin arbeiten müssen: Ich mache mir schon Wochen im Voraus Lernpläne, denn sonst passiert es schnell, dass ichselbst kurz vor einer Prüfung einen ganzen Tag im Bett liege und Serien schaue. Die Menge an zu lernendem Stoff lähmt mich, sodass ich am Ende gar nichts erledige.
Deswegen habe ich mir schon früh angewöhnt jeden Tag durchzuplanen und genau festzulegen, was ich zu lernen habe. Oft variiere ich das, aber solange ich weiß, dass ich mich in zwei Tagen mit Psychopharmaka auseinandersetzen muss, mache ich das meist auch.
Die Kehrseite der Medaille ist dabei, dass ich in den Klausurphasen nicht sonderlich flexibel bin. Spontane Planänderungen haben nämlich gleich fundamentale Auswirkungen auf meinen bis zum letzten Tag vor der Klausur durchorganisierten Lernplan. Da ist wenig Raum für einen kurzen, mittäglichen Abstecher in die Stadt oder auf den Markt.
Aber da das nur ungefähr zwei Monate im Jahr betrifft, kann ich ganz gut damit leben – auch wenn die Sehnsucht nach einem klausurenfreien Leben immer größer wird. Sind ja nur noch drei Jahre ...

Medizin studieren

Dumm gelaufen

Manchmal ist Medizin einfach nur eklig. Das ist für die meisten Nicht-Mediziner wahrscheinlich keine herausragende Neuigkeit. Aber mich hat es neulich doch ziemlich überrascht, dass es noch so manches gibt, was mich nicht kalt lässt. Schließlich habe ich in den vergangenen Jahren vieles gesehen, was alles andere als schön war – ob nun eklig, einfach nur schrecklich oder auch mal lustig. Wenn man in der Notaufnahme ist oder ein Praktikum in der Unfallchirurgie macht, bekommt man so einiges mit.
In die Kategorie „dumm gelaufen“ passte nun im Rahmen unseres Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde-Praktikums der Fall einer Frau, die sich gerade mit einem Wattestäbchen das Ohr säuberte, als das Telefon klingelte. Im Eifer des Gefechts griff sie nach dem Hörer und vergaß dabei das Wattestäbchen im Ohr. Trommelfelle reißen auf viele Arten, in diesem Fall dürfte es aber ganz besonders schmerzhaft gewesen sein. Die Bilder, die uns davon gezeigt wurden, ließen selbst die Abgebrühtesten schwer schlucken. Da hinter dem Trommelfell eine Reihenschaltung an Gehörknöchelchen liegt, ist so eine Verletzung leider recht heikel und es gilt, einen Verlust des Hörvermögens zu verhindern. Ob das bei dieser Patientin geklappt hat, wird sich wohl in den nächsten Wochen zeigen.

Autor: Johannes  |  Rubrik: studium  |  13.02.2018
Autor: Johannes
Rubrik: studium
13.02.2018

Auszeit vom Studium

Die Menschen geben den Inhalt – Teil 1

Shanti wird vor allem durch die Geschichten der dort lebenden und arbeitenden Menschen geprägt. Jeder von ihnen hat Unvorstellbares erleben und erleiden müssen, es überstanden und sich ein Leben aufgebaut. Jede Biografie hätte es verdient, gehört und verbreitet zu werden. Julia und ich merkten schnell, dass wir nur eine dieser Lebensgeschichten am Tag anhören können, um sie verarbeiten und richtig einordnen zu können. Es ist schwer, eine kleine Auswahl zu treffen, doch versuche ich, ein paar Shanti-Biographien hier niederzuschreiben.
Beginnen wir mit Siddharta, benannt nach dem ersten Buddha. Er ist schätzungsweise 16 Jahre alt und lebt mit den anderen Kindern zusammen in der obersten Etage der Klinik. Seine Familie hat ihn auf der Straße am Tempel Pashupatinath ausgesetzt, wo er traumatisiert und mit Wunden übersät aufgefunden wurde. Inwieweit er tatsächlich geistige und körperliche Behinderungen hat, ist schwer auszumachen, da vieles auch von seinen traumatischen Erlebnissen herrühren kann. Er ist überaus wissbegierig und merkt sich Dinge, indem er sie etliche Male wiederholt, was zuweilen manchen Volontär verzweifeln ließ. Laufen kann er nur mit großer Unterstützung, manchmal versucht er es selbst, sich am Geländer hochzuziehen, ein paar Schritte zu tun, was aber meistens darin endet, dass er vornüber auf seine Hände fällt. Morgens steht er dennoch oft an der Brüstung der Klinik, um auf die Straße zu schauen und auf uns zu warten und uns zuzuwinken, wenn wir zur Arbeit kommen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  12.02.2018
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
12.02.2018