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Studieren im Ausland

Tapioca

Bevor mein Soziologieprofessor uns ein schönes Wochenende wünschte, hatte er uns gebeten, den Reader am Eingang der sozialwissenschaftlichen Fakultät zu kaufen und bis zur nächsten Stunde – das war vier Tage später – das erste Kapitel zu lesen. So machten Rapha und ich uns nach dem Seminar auf den Weg, um die Texte zu kaufen.

Bevor ich nach Brasilien gegangen war, hatten mir Kommilitonen von ihrem Auslandsaufenthalt erzählt und dass sie so gut wie die ganze Zeit nur am Strand gewesen waren, da sie praktisch nichts für die Uni hatten tun müssen. Doch als wir bei Dona Maria ankamen, der Frau, die den Copy-Shop am Eingang betrieb, und sie uns den Reader zeigte, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf. Während wir in Deutschland meistens je Seminar rund 30 Seiten pro Woche lesen mussten, bestand der Reader hier aus drei Büchern, von denen zwei 350 und eines 150 Seiten hatte. Zusätzlich gab es noch Ausschnitte aus anderen Werken, die jeweils um die 50 Seiten lang waren. Das Kapitel, das wir bis zur nächsten Stunde lesen sollten, hatte 62 Seiten. Da war ich wirklich froh, dass mein Literaturkurs erst in ein paar Wochen beginnen würde. Rapha sah mein unglückliches Gesicht und auch er war nicht sonderlich begeistert. Doch er lachte nur und sagte: „Mach dir keinen Stress! Das wird schon! Lass uns erst einmal „Tapioca“ essen gehen.“ Als ich Rapha fragte, was denn genau „Tapioca“ sind, erklärte er mir, dass es eine indigene Speise sei. „Guck mal, das sind sie“, sagte er und deutete auf einen kleinen Fladen. ‚Tapioca‘ werden aus Maniokmehl hergestellt. Entweder man macht sie dünn, wie eine Art Crêpe, oder klein und dick, wie amerikanische „Pancakes“. Viele Leute essen sie einfach nur mit Butter. Man kann sie aber auch mit Käse und Schinken zubereiten. Andere mögen sie lieber mit Kokosmilch. Aber ich esse sie am Liebsten mit Kondensmilch. Komm, probier’ sie mal!“

Autor: Esther  |  Rubrik: studium  |  Aug 20, 2014
Autor: Esther
Rubrik: studium
Aug 20, 2014

Studieren im Ausland

Professoren duzen?

Erst zwanzig Minuten, nachdem Rapha und ich angefangen hatten, uns zu unterhalten, erschienen die ersten anderen Studierenden und nach und nach füllte sich der Raum. Auch der Professor kam bald darauf und begann, die Namensliste vorzulesen. Bei jedem Namen machte er Halt und unterhielt sich kurz mit der jeweiligen Person. So ging es in der Stunde fast ausschließlich darum, sich kennenzulernen. Während ich in Deutschland in meinem Soziologieseminar nach einem halben Jahr immer noch nicht einmal fünf Namen der 30 Teilnehmenden kannte, wusste ich nach anderthalb Stunden nicht nur, wie meine Kommilitonen hießen, sondern auch, woher sie kamen, was sie studierten, wie alt sie waren und welche Pläne sie für die Zukunft hatten. Unser Dozent stellte uns Fragen zur derzeitigen politischen Lage, was wir vom Mindestlohn hielten, und fragte mich, wie das Gesundheitssystem in Deutschland funktioniert, um es anschließend mit dem Brasiliens zu vergleichen. Es ist wirklich unglaublich, dachte ich mir, wie unterschiedlich Uni-Veranstaltungen sein können. In Deutschland hätte sich ein Professor niemals nach unseren politischen Ansichten oder nach unserem privaten Leben erkundigt. Ich erinnerte mich noch gut an meine Seminare in Deutschland und daran, dass, wenn es hoch kam, wir uns mit unseren Namen vorstellten und vielleicht noch sagten, warum wir den Kurs gewählt hatten. Hier lief das völlig anders. Der Professor, der auch der Vorsitzende des Soziologie-Departments war, bestand sogar darauf, dass wir ihn beim Vornamen nannten. Als ich erzählte, dass es in Deutschland unmöglich wäre, einen Professor zu duzen und auch die Studierenden gesiezt und mit dem Nachnamen angeredet würden, konnten meine Kommilitonen das kaum glauben. „Was? Du wirst von deinen Dozenten gesiezt? Das ist doch nicht normal! Kein Wunder, dass die Deutschen so kalt sind!“ lachten sie. Obwohl ich einerseits diese Nähe zwischen Studierenden und Professoren seltsam fand, merkte ich andererseits aber auch, dass es mir gefiel und mir die Unsicherheit nahm, keineswegs jedoch den Respekt vor dem Dozenten.

Autor: Esther  |  Rubrik: studium  |  Aug 18, 2014
Autor: Esther
Rubrik: studium
Aug 18, 2014

Studieren im Ausland

Der frühe Vogel ...

Da mein erster Uni-Tag nicht so erfolgreich war, hoffte ich, dass es mir am zweiten besser ergehen würde. Ich kam 15 Minuten vor Seminarbeginn an der sozialwissenschaftlichen Fakultät an. Den Raum fand ich diese Mal auf Anhieb. Als ich ihn betrat, saß nur ein einziger Junge an einem der Tische. Er blickte auf und ich fragte ihn schüchtern, ob dies der Kurs „Die Entstehung der brasilianischen Gesellschaft“ sei. Er nickte lächelnd, woraufhin ich mich an einen Tisch zwei Plätze neben ihn setzte. Nach ein paar Minuten Stille fragte er mich, woher ich denn käme. Als ich ihm erzählte, dass ich eine Austauschstudentin aus Deutschland bin, war er völlig begeistert. „Wirklich? Ich dachte, du kommst aus Südbrasilien. Da gibt es ganz viele blonde Leute.“ Durch meinen Freiwilligendienst in Nicaragua hatte ich mich mittlerweile daran gewöhnt, als „blond“ bezeichnet zu werden, auch wenn ich in Deutschland ganz klar als brünett gelte. „Und du?“, fragte ich. „Kommst du aus Fortaleza?“ Er erzählte mir, dass er aus einer kleinen Stadt im Landesinneren des Bundesstaats Bahia käme und erst seit einer guten Woche in Fortaleza war. Davor hatte er in Cuiabá studiert, der Hauptstadt des Bundesstaats Mato Grosso. Als ich ihn fragte, wo genau das liegt, lachte er und antwortete, dass selbst viele Brasilianer nicht genau wüssten, wo das ist. „Ganz im Westen, fast schon an der Grenze zu Bolivien“, fügte er hinzu. „Aber es war so heiß dort, dass ich mich dazu entschloss, den Studienort zu wechseln.“ Da musste ich wiederum lachen, da ich bei den 35 Grad, die seit meiner Ankunft hier herrschten, eigentlich konstant am Schwitzen war. „Wenn du Fortaleza als kühl empfindest, dann muss es in Cuiabá ja wirklich unerträglich gewesen sein.“

Nach zehn Minuten kam es mir so vor, als ob Rapha, wie er sich mir später vorstellte, und ich uns schon seit Jahren kannten. Vielleicht lag es daran, dass wir beide ganz neu in der Stadt waren, noch niemanden kannten und uns dadurch von Anfang an miteinander verbunden fühlten. Ein paar Monate später erzählten wir unseren Familien: „Es war einfach Freundschaft auf den ersten Blick!“

Autor: Esther  |  Rubrik: studium  |  Aug 15, 2014
Autor: Esther
Rubrik: studium
Aug 15, 2014