Gefragte Generalisten

Ein Mann schraubt ein Kabel fest.
Mechanik, Elektronik, Informatik - Ingenieure für Mechatronik verbinden diese drei Fachgebiete miteinander, um etwa Bremssysteme im Auto oder Roboter zu steuern.
Foto: Schatz

Mechatronik – Interview

Gefragte Generalisten

Welche Chancen und Herausforderungen stellen sich jungen Mechatronikingenieuren? abi>> sprach über diese und weitere Fragen mit Dieter Moll, Projektmanager und Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

abi>> Herr Moll, was ist Mechatronik?

Dieter Moll: Sie vereint die drei klassischen Disziplinen Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik und verfolgt damit einen ganzheitlichen Ansatz. In der Praxis werden kaum noch Produkte entwickelt, bei denen nur eine der drei Disziplinen zum Einsatz kommt. Der klassische Maschinenbau wird in Zukunft mehr und mehr zugunsten der interdisziplinären Mechatronik zurückweichen.

abi>> Was sind Beispiele für mechatronische Systeme?

Ein Porträtbild von Dieter Moll

Dieter Moll

Foto: privat

Dieter Moll: Ein bekanntes Beispiel ist der Fahrassistent im Auto: Ein elektronisches System misst Abstände des Fahrzeugs zu anderen Fahrzeugen oder Hindernissen. Die Umsetzung erfolgt – hier kommt die Informatik ins Spiel – über eine Software. Schließlich setzt ein mechanisches Bremssystem den von der Software ausgelösten Impuls um. So haben wir eine Mischung aus Messsystem, Software und mechanischen Komponenten.

abi>> Welche Inhalte vermittelt ein Bachelor- beziehungsweise Masterstudium in Mechatronik?

Dieter Moll: Im Bachelorstudium werden zunächst die klassischen Maschinenbauinhalte vermittelt, etwa Mathematik, Mechanik, Thermodynamik und Strömungsmechanik. Hinzu kommen Fächer aus der Elektrotechnik wie elektrische Schaltungen, Kommunikationstechnik und Regelungstechnik. Der Informatikteil umfasst Programmieren, digitale Signalverarbeitung und Robotik (siehe auch "Damit kann man alles machen"). Im Masterstudium gibt es Spezialisierungen, die von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich sind.
Gut zu wissen: Der Bachelor ist bereits ein vollwertiger Berufsabschluss. Eine Spezialisierung mittels Master ist nicht zwingend notwendig, wenn auch etwa ein Drittel der Studierenden direkt ein Masterstudium anschließt. Ich halte es für den besseren Weg, den Master berufsbegleitend zu erwerben oder nach dem Bachelor zunächst Berufserfahrung zu sammeln. Denn erst durch die Erfahrungen in der Praxis wird deutlich, was tatsächlich die eigenen Wünsche und Ziele sind.

abi>> Welche persönlichen Voraussetzungen sind im Bereich Mechatronik gefragt?

Dieter Moll: Ein Mechatronikingenieur sollte zunächst Fähigkeiten eines klassischen Ingenieurs mitbringen: gute Kenntnisse in Mathematik und Physik sowie Interesse und Freude am Gestalten und Konstruieren. Der fächerübergreifende Ansatz der Mechatronik erfordert zudem konstruktive Teamarbeit. Mechatronikingenieure sollten daher kommunikativ sein. Es kann von Vorteil sein, vor dem Studium eine Ausbildung absolviert zu haben. Denn wer ein Unternehmen von innen gesehen hat, erkennt auch während des doch recht abstrakten Studiums Zusammenhänge besser und weiß, worauf er achten muss. Aber auch viele Studiengänge werden mittlerweile von Praxissemestern und Auslandssemestern begleitet, damit Studierende praktische Erfahrung sammeln können.

abi>> Welche Branchen stehen Mechatronikingenieuren offen?

Dieter Moll: Das Berufsfeld hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten enorm verändert. Mechatronikingenieure werden immer mehr zu Generalisten, die in fast allen produzierenden Branchen gebraucht werden. Eine große Bedeutung hat die Mechatronik schon lange in der Medizintechnik und in der Automobilbranche. Hinzu kommen mittlerweile die Mikrosystemtechnik und die Energietechnik, gerade bei erneuerbaren Energien. Mechatronikingenieure können auch in der Forschung und Entwicklung arbeiten, in der Automatisierungstechnik und in der Robotik. Während Berufseinsteiger vermutlich mehr Zeit am Arbeitsplatz im Unternehmen verbringen, kann sich das im Laufe der Tätigkeit ändern. Es werden immer mehr Produkte beim Kunden selbst generiert, das kann auch mal im Ausland sein (siehe auch "Drei Welten miteinander verbinden"). Ein Ingenieur sollte also auch immer bereit sein, zu reisen, auch wenn er nicht im Vertrieb tätig ist.

abi>> Wie stehen derzeit die Chancen für Mechatronikingenieure auf dem Arbeitsmarkt?

Dieter Moll: Mechatronik ist keine Spezialisierung mehr, sie entwickelt sich immer mehr zum Standard. Der Ingenieurberuf ist also zukunftssicher, jedenfalls solange unser Produktionsstandort Deutschland stabil und wettbewerbsfähig bleibt. Ich würde mich heute wieder für den Beruf des Ingenieurs entscheiden. Er ist abwechslungsreich und je nachdem, worauf man sich spezialisiert, kann man sich gegenüber dem Arbeitgeber unverzichtbar machen. Und nicht zuletzt haben wir hervorragende Verdienstmöglichkeiten.

 

Mehr Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 aktuellen Berufsbeschreibungen in Text und Bild. (Suchwort: Mechatronik)
www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen. (Suchwort: Mechatronik)
www.studienwahl.de

JÖBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit

www.jobboerse.arbeitsagentur.de

Hochschulkompass

Informationen über deutsche Hochschulen, deren Studienangebote, Ansprechpartner und internationale Kooperationen.
www.hochschulkompass.de

Verein Deutscher Ingenieure

www.vdi.de

Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. (VDE)

www.vde.com

Informationsplattform zum Thema Mechatronik

www.mechatronik-portal.de

Heinz Nixdorf Institut - Universität Paderborn

www.transmechatronic.de

 

Ingenieur für Mechatronik

Drei Welten miteinander verbinden

Damit frisches Wasser Haushalte erreicht und Abwasser abfließt, bedarf es gut funktionierender Systeme. Mechatronikingenieur Hauke Abbas (26) konzipiert solche Systeme und wendet hierfür sein Wissen aus den Bereichen Mechanik, Elektronik und Informatik an.

Als „Branchenspezialist für Wasser und Abwasser“, wie seine Position bei der Firma Phoenix Contact lautet, hat Hauke Abbas ein breites Spektrum an Tätigkeiten: Er entwirft Konzepte beispielsweise für die Automatisierung einer Kläranlage, sorgt für die Belieferung mit den benötigten Komponenten, programmiert diese und passt sie an. Außerdem führt er Schulungen und Trainings von Mitarbeitern vor Ort durch und hält Vorträge vor Tochtergesellschaften und Kunden.

„Ich bearbeite viele Aufgaben gleichzeitig“, sagt der Mechatronikingenieur. Klassisches Projektmanagement gehört daher genauso zu seinem Arbeitsalltag wie der strategische Aufbau von Firmentöchtern sowie die Kundengewinnung und -betreuung.

Immer offen für Neues

Ein Porträtbild von Hauke Abbas

Hauke Abbas

Foto: Andre Koeller

Sein sechsköpfiges Team und er sind die Schnittstelle zwischen Tochtergesellschaften in aller Welt und dem Mutterkonzern in Deutschland, wo die mechatronischen Komponenten für den Wasser- und Abwassermarkt entwickelt werden. Der Ingenieur muss nicht immer vor Ort sein, aber Dienstreisen sind für ihn selbstverständlich: „Wir haben eine Mentorfunktion für unsere weltweiten Vertriebe.“ Kürzlich war er in Italien, wo das Unternehmen seine Infrastruktur noch ausbaut: „Meine Aufgabe dort war es, unser Markt-Know-how an die Tochtergesellschaften weiterzugeben“, erklärt er.

Dem heimischen Entwicklungsteam gibt Hauke Abbas Feedback aus der Praxis, damit die Komponenten wie Steuerungen oder andere elektronische Module verbessert werden. „Unsere Kunden sprechen eine ganz andere Sprache als unsere Entwicklungsabteilung. Es gehört zu meinen Aufgaben, zu vermitteln und der Entwicklungsabteilung die Kundenwünsche zu spiegeln.“
Alles verstehen wollen, auch Sachverhalte, die nicht im unmittelbaren Tätigkeitsbereich liegen, ist für Hauke Abbas selbstverständlich: „Ein Mechatronikingenieur muss für andere Disziplinen und für Neues immer offen sein.“ Wer sich auf einen Bereich festlegen möchte, der sei seiner Ansicht nach bei der Elektrotechnik besser aufgehoben. „Mechatronikingenieure müssen immer drei Welten miteinander verbinden – die Mechanik, die Elektronik und die Informatik“, erläutert Hauke Abbas.

Dual studieren erspart die Einarbeitungszeit

Für den Bereich Mechatronik entschied er sich, im Anschluss an eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Hauke Abbas arbeitete in deren Anschluss bei seinem jetzigen Arbeitgeber, holte dann sein Fachabitur nach. Mit diesem in der Tasche bewarb er sich wiederum bei Phoenix Contact um ein duales, praxisintegrierendes Bachelorstudium in Mechatronik und erhielt die Zusage. Während der dreijährigen Studienzeit an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo erhielt er eine Ausbildungsvergütung.

Seine Praxisphasen absolvierte er im Betrieb. Nach einem Jahr Grundausbildung in der Ausbildungswerkstatt lernte Hauke Abbas dort zudem die Funktionen und Arbeitsweisen unterschiedlicher Abteilungen kennen. „Spätestens am Ende eines dualen Studiums kristallisiert sich heraus, was man genau will und welches die Wunschabteilung ist“, findet der 26-Jährige.

Seine Bachelorarbeit mit dem Thema „Automatisierung von Grundwasserbrunnen zur Trinkwasserförderung“ hat er in der Abteilung geschrieben, in der er nun als Berufseinsteiger seit zwei Jahren tätig ist. „Ich habe damit die Einarbeitungszeit vorgezogen. Toll ist auch, dass ich mit dem Thema meiner Bachelorarbeit noch über Jahre hinaus zu tun haben werde“, fügt er hinzu.

Mitgestalten und weiterentwickeln

Den Einstieg in den Beruf hat ihm die Firma leicht gemacht: „Auch oder gerade als junger Ingenieur werde ich hier sehr ernst genommen und hatte sofort einen hohen Stellenwert. Für mich ist es schön, die Veränderungsprozesse mitgestalten zu können und mich mit der Firma weiterzuentwickeln“, betont er.

So zufrieden er auch ist, Hauke Abbas hat aus seiner Sicht noch nicht ausgelernt. „Im Moment reicht mein technisches Wissen völlig aus. Doch gerne möchte ich mich in den Bereichen Betriebswirtschaft, Projektmanagement oder Unternehmensentwicklung weiterbilden und parallel arbeiten. Es gibt genügend Möglichkeiten, seinen Master berufsbegleitend oder in Abend- und Wochenendkursen zu erwerben.“

 

Mechatronik

„Damit kann man alles machen“

Daniela Fidele Hell (25) ist fasziniert von Robotern und möchte sie später selbst konzipieren, programmieren und bauen. Diesem Wunsch kommt sie derzeit mit ihrem Bachelorstudium Mechatronik an der Hochschule Kaiserslautern näher.

Die Anwendung der Lehrinhalte ist ein wichtiger Bestandteil in Daniela Fidele Hells Studium der Mechatronik: „Wir rechnen nicht nur, sondern setzen unser Wissen in die Praxis um und sehen die Ergebnisse", erklärt sie und ergänzt: „Es gibt für jedes Fach ein Labor. Wer in der Theorie nicht gleich alles versteht, kann die Inhalte in praktischen Versuchen besser nachvollziehen.“ Ihr bisheriges Lieblingsthema ist die Robotik: „Das ist für mich das perfekte Fach. Es ist wunderbar, etwas zu programmieren und zu bauen, das sich bewegen und sich mit Menschen unterhalten kann.“

Ein Bild von Daniela Fidele Hell im Gespräch mit einer Studentin

Daniela Fidele Hell (rechts)

Foto: Hochschule Kaiserslautern

Ursprünglich stammt die 25-Jährige aus Kamerun. Dort hatte sie bereits zwei Jahre lang Physik studiert, doch die Eindimensionalität des Studiums genügte ihr nicht – sie wünschte sich eine umfassende, fächerübergreifende technische Ausbildung. Nach intensiver Recherche war sie sich sicher, dass sie Mechatronik in Deutschland studieren wollte. Hierfür musste sie zunächst einen Deutschkurs absolvieren, der ein halbes Jahr in ihrer Heimat und eines in Deutschland stattfand. So kam sie nach Kaiserslautern und im Anschluss daran an die dortige Hochschule. Mittlerweile studiert sie im fünften Semester.

Grundlagen verknüpfen

Zu Beginn des Mechatronikstudiums wurden Mathematik und Elektrotechnik gelehrt, außerdem Materialkunde und Kinematik. „Wir lernten, wie ein Transistor – ein Bestandteil von Schaltungen – funktioniert, und wir übten die Programmierung von Mikrocontrollern“, erklärt Daniela Fidele Hell. Auch wurden die Studierenden in den ersten anderthalb Jahren in Übungen von Tutoren begleitet.

Bereits im zweiten Semester hat Daniela Fidele Hell in einer praktischen Arbeit einen Mikrocontroller programmiert. Solche Ein-Chip-Computersysteme sind in fast allen technischen Geräten des täglichen Gebrauchs zu finden, etwa in Chipkarten, Waschmaschinen und in Mobiltelefonen. „Außerdem haben wir im zweiten Semester mithilfe einer 3-D-Konstruktionssoftware einen Antrieb entworfen und im fünften Semester gelernt, wie wir dessen Funktion am Bildschirm simulieren.“

Im vierten und fünften Semester lernten die Studierenden die Funktionen von Robotik kennen und beschäftigten sich mit der Frage, wie man mechanische Systeme regeln und steuern kann. Im sechsten Semester wird Daniela Fidele Hell ein mechatronisches Projekt umsetzen: „Das kann das Programmieren eines Roboters sein oder die Automatisierung eines Systems.“ Das siebte und auch letzte Semester besteht aus zwei gleichen Teilen: Drei Monate wird sie ihrer Bachelorarbeit widmen, drei Monate lang wird sie ein Praktikum absolvieren. Theoretisch könnte die Studentin während ihres Bachelorstudiums ins Ausland gehen, denn ihre Universität bietet hierfür ein Stipendienprogramm. Doch da sie selbst erst recht kurze Zeit in Deutschland lebt, kommt diese Möglichkeit für sie derzeit nicht infrage.

Tun, was man liebt

Bei aller Begeisterung räumt Daniela Fidele Hell ein, dass das Mechatronikstudium harte Arbeit ist: „Ich bin manchmal von 7 bis 19 Uhr an der Uni. Erst habe ich Vorlesung, dann betreue ich als Mathetutorin eine Übung, lerne am Nachmittag und gehe anschließend noch einmal ins Labor. Aber wenn man tut, was man liebt, dann ist das auch einfach.“

Für die Zeit nach ihrem Bachelorabschluss hat sie bereits Pläne: „Ich möchte meinen Master in Robotik machen und anschließend in Deutschland arbeiten. Und irgendwann will ich vielleicht zurück nach Kamerun, um das, was ich hier gelernt habe, umzusetzen. Ich kann mir sogar vorstellen, dort einen Lehrstuhl für Mechatronik aufzubauen“, erzählt sie.


Diese Beiträge im abi-Portal könnten dich auch interessieren:

  • Von Attendorn bis Amerika

  • Der Schnittstellen-Koordinator

  • Wenn Mathe voll dein Ding ist

  • In den Seilen

Logo Bundesagentur f�r Arbeit
Stand: 16.07.2019