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„Angst darf man haben, aber niemals zeigen“

Frau arbeitet an einem Schreibtisch.
Jeder Mensch – unabhängig von dem, was er getan hat – hat in Deutschland das Recht auf die bestmögliche ärztliche Behandlung.
Foto: Martin Rehm

Ärztin in einer Justizvollzugsanstalt

„Angst darf man haben, aber niemals zeigen“

Anja Sandmann ist Ärztin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lübeck. Zusammen mit ihrem zwölfköpfigen Team behandelt sie Steuerbetrüger, Drogendealer sowie Sexual- und Gewaltstraftäter.

Kurz bevor der Patient den Behandlungsraum betritt, wirft Anja Sandmann einen kurzen Blick auf das oberste Blatt Papier ihrer Unterlagen. Dort ist vermerkt, weshalb der Mann, den die 53-Jährige gleich wegen seiner Rückenschmerzen untersuchen wird, im Gefängnis sitzt. Räuberische Erpressung? Betrug? Ein Sexualdelikt? Drogenhandel? Gerade fängt die Ärztin an zu lesen, da wird der Patient hereingeführt. Sie wendet sich vom Blatt ab und konzentriert sich ganz auf die Symptome, die ihr Gegenüber schildert.

„Die Straftat, wegen der meine Patienten einsitzen, spielen für mich aber eigentlich keine große Rolle“, sagt die Lübeckerin. „Das darf sie auch nicht, denn jeder Mensch hat das Recht auf die bestmögliche Behandlung, unabhängig von möglicher Schuld, die er oder sie in der Vergangenheit auf sich geladen hat. Es ist nicht meine Aufgabe zu urteilen, das macht das Gericht.“

Berufsalltag hinter Gittern

Ein Porträt-Foto von Anja Sandmann

Anja Sandmann

Foto: privat

Seit 2005 ist Anja Sandmann Ärztin in der JVA Lübeck. Dass sie den Großteil ihres Tages hinter Gittern verbringen würde – wenn auch nur beruflich – hätte sie nicht gedacht, als sie ihr Medizinstudium in Hamburg begann. Zu ihrer heutigen Position als Regierungsmedizinaldirektorin kam die gebürtige Hamburgerin eher zufällig. Bis zur Geburt ihrer Kinder hatte sie als Allgemeinärztin in einer Praxis gearbeitet, nachfolgend Herzsportgruppen betreut sowie Vertretungsdienste übernommen – hin und wieder auch für ihren Vorgänger in der JVA Lübeck. Dabei merkte sie schnell, dass ihr die Arbeit im Gefängnis Spaß macht. Als dieser Kollege seinen Posten verließ, übernahm Anja Sandmann die Nachfolge.

„Das eigenständige Arbeiten und das schnelle Entscheiden fand ich toll. Gleichzeitig ist genau die Tatsache, dass ich alleine die Verantwortung trage, eine große Herausforderung, denn es gibt ja keine Kollegen und keinen Chef, mit dem ich mich besprechen kann“, fügt sie hinzu. Bereut hat sie ihre Entscheidung nie, denn auch aus privater Sicht ist die Tätigkeit als Gefängnisärztin ein Glücksfall. „Unter all den Medizinerberufen ist dieser wohl einer der familienfreundlichsten“, sagt die zweifache Mutter. „Ich habe beispielsweise keinen Nachtdienst und recht geregelte Arbeitszeiten.“

Vertrauensperson für die Häftlinge

Seit mittlerweile 13 Jahren führt sie nun ein Team aus medizinischen Fachangestellten und kümmert sich um 500 Insassen, männliche und weibliche, denn die JVA Lübeck ist ein gemischtes Gefängnis – eine abwechslungsreiche Aufgabe: „Als Arzt im Gefängnis behandelt man eine große Bandbreite an Krankheiten. Von Schnupfen und Husten, über Magenprobleme und Allergien bis hin zu Knieschmerzen. Ich bin nicht Urologe, Augenarzt oder Frauenarzt, sondern von allem ein bisschen. Dafür braucht es natürlich ausreichend medizinische Erfahrung, Berufsanfänger wären in diesem Bereich wohl überfordert.“

Kann Anja Sandmann einen Patienten nicht behandeln, überweist sie diesen in eine Klinik oder zu einem Facharzt. Auch mit psychischen Problemen kommen die Inhaftieren zu ihr. Manche hatten Ärger mit Mitgefangenen oder Angestellten und wollen einfach „nur ein bisschen schnacken“, wie Anja Sandmann es formuliert. Genau dieser unmittelbare Kontakt mit den Gefangenen gefällt ihr. Manch einen kennt sie schon seit sie ihren Dienst in der JVA antrat; da entsteht ein vertrauensvolles Verhältnis, vergleichbar mit dem, wie es auch Hausärzte mit ihren Patienten haben.

Selbstbewusstes Auftreten ist Pflicht

Doch hat sie nicht trotzdem manchmal Angst? Immerhin behandelt sie auch Schwerverbrecher, die zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurden. „Natürlich kenne ich Situationen, in denen ich mich unwohl fühle. Das ist auch wichtig, denn nur so kann man bestimmte Gegebenheiten richtig einschätzen“, sagt Anja Sandmann offen. Immer wieder komme es zu Auseinandersetzungen mit Patienten oder auch Anwälten, weil sie beispielsweise das Ausstellen eines Rezepts oder einer Behandlung verweigert. „Habe ich den Eindruck, etwas stimmt nicht oder es könnte gefährlich werden, breche ich eine Behandlung ab“, erzählt sie. Unsicherheit dürfe man allerdings nie zeigen: „Vor den Patienten muss man immer Souveränität und Sicherheit ausstrahlen.“

Dann muss sie schnell los: Im Wartezimmer randaliert ein neuer Gefangener im Drogenrausch – ihre Kollegen brauchen Hilfe. Eine spezielle Situation? Eigentlich nicht – eher Alltag für die JVA-Ärztin.

abi>> 05.10.2018